Andachten

Andacht

Andacht 14.02.2020

14. Februar 2020 | Wilfried Krause

Andacht 14.02.2020

Bildnachweis: Katarzyna Wendt

Wie eine Rose unter den Dornen, so ist meine Freundin unter den Mädchen. Wie ein Apfelbaum unter den Bäumen des Waldes, so ist mein Freund unter den Jünglingen.

Kürzlich erwarb ich eine Lutherbibel als Großdruckausgabe nach dem revidierten Text von 2017. Als einen besonderen Leser-Service empfinde ich die auf jeder Seite angeführten Vergleichsverse. Das gilt selbst für die Apokryphen. Nur ein Buch in der ganzen Ausgabe bildet eine Ausnahme: das Hohelied.
Ohne Frage ist das Hohelied Salomos alles andere als eine normale heilige Schrift. Schon der Anfang des Buches, wo vom Küssen die Rede ist, trieb noch vor 100 Jahren vielen Frommen beim Lesen die Röte ins Gesicht. Und damit nicht genug der erotischen Andeutungen. Achtmal ist in dem Liebeslied von Brüsten die Rede, meistens in einen poetischen Vergleich eingebettet.
Kommen wir auf den heutigen Bibeltext zurück. Da ich als Mann schreibe, liegt es nahe, über Rosen nachzudenken. Ich erinnere mich noch ganz genau an den sonnigen Märztag des Jahres 1969, als ich meine „Rose“ in Friedensau entdeckte. Es dauerte noch eine Zeit lang, bis sie ganz aufblühte. Ihr wollt wissen, ob sie inzwischen verblüht ist? Ganz im Gegenteil! Ihre Schönheit hat sich immer weiter entfaltet. Nur eines stellte sich bei mir etwas anders dar als im biblischen Liebeslied: Bald nahm ich wahr, dass meine „Rose“ auch Stacheln hat. Anfänglich überraschte sie mich mit dem einen oder anderen Pikser und ich schrie auf. Im Laufe der Zeit merkte ich mir die Stellen, an denen die Spitzen sitzen, und habe diese Punkte möglichst gemieden. Zur ganzen Wahrheit gehört aber auch: Maria Rosa Ermengard hat im Laufe der Jahrzehnte beachtlich viele Stacheln abgerüstet.
Obwohl in allen acht Kapiteln des Hohelieds nicht ein einziges Mal das Wort „Gott“ vorkommt, atmet es von Anfang bis Ende einen geradezu göttlichen Geist. Ich spüre, wozu wahre Liebe fähig ist. Sie schafft es, den anderen immer im Licht zu sehen. Ich denke schon, dass dieses Liebeslied zuerst den frisch Verliebten gilt, doch nicht ausschließlich. Wo dieses Klima eine Familie prägt, wird dieser Bereich ein Vorort zum Himmel. Da ist in vielen Familien noch Luft nach oben. Auch einer christlichen Gemeinde steht es gut an, diesen Geist von Gott zu erbitten und ihn zu pflegen. Dann wird es uns leichterfallen, auch mit den Stacheln umzugehen.

Zurück